Album Analyse: Justin Timberlake The 20/20 Experience

Album Analyse: Justin Timberlake The 20/20 Experience

Album Analyse: Justin Timberlake The 20/20 Experience
Justin Timberlake - The 20/20 Experience
Justin Timberlake – The 20/20 Experience

Musik analysieren: Fallbeispiel

Über die Wichtigkeit der konkreten Analyse eines Musikstückes, statt des bloßen Konsums, braucht man kaum zu sprechen! Dies ist für Tontechniker ein MUSS! Ohne das stetige Analysieren von Musik ist eine Weiterentwicklung des Gehörs kaum möglich.

Heute möchte ich anhand eines aktuellen Beispiels aus dem Pop-Bereich zeigen, welche Kenntnisse und Ideen man aus einer solchen Analyse ziehen kann…


Analysiertes Album: Justin Timberlake „The 20/20 Experience“

Ich habe bewusst ein Album aus dem Popbereich gewählt, auch wenn es sicher nicht den Geschmack eines jeden trifft (auch meinen nicht). Gerade dieses Album ist momentan aber sehr präsent und somit ist dessen Analyse vermutlich für viele greifbarer als die eines unbekannten Albums. Außerdem weist das Werk, wie ich nach dem Kauf festgestellt habe, eine interessante, produktionstechnische Herangehensweise auf.

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Erste Fakten

In der mir vorliegenden Fassung verfügt das Album lediglich über 10 Titel, hat jedoch eine Gesamtspiellänge von 70min. Ebenso interessant wie naheliegend ist somit, dass die einzelnen Stücke eine für dieses Genre sehr unüblich lange Spieldauer besitzen (teils mehr als 8min!).

Natürlich entsteht so automatisch die Gefahr, dass ein Titel nach 5-6min einfach nicht mehr interessant klingt, sondern nur noch langweilt. Dem versucht man mit (beindruckend) abwechslungsreichen Arrangements entgegenzuwirken. Standard-Arrangements (Strophe-Refrain-Strophe-Refrain) sind nicht anzufinden – nahezu jedes Stück ist mit einem B-Part versehen, einer Bridge, Refrain, aufwendiges Intro und Outro, etc.

Auch ändert sich die Instrumentierung im Verlaufe eines Titels oft sehr deutlich, was ebenso Langeweile entgegenwirken soll. Manchmal fragt man sich, ob gerade immer noch das gleiche Stück läuft, oder schon das nächste…

Instrumentierung

Browne Breitband Absorber RaumakustikAlle Produktionen weisen einen ähnlichen Stil auf: Viele Einzelsignale füllen das Arrangement – häufig stark links-rechts-verteilt – aus, anstatt dass mit wenigen, dafür stärker akzentuierten, Sounds gearbeitet wird. Teils sehr aufwendige Drum-Patterns sorgen für einen groovigen, modernen Sound, vermitteln aber zugleich einen gewissen Retro-Touch.

Fast alle Klänge stammen aus synthetischen Quellen, echte Instrumente sind deutlich weniger anzufinden.

Gesang

Timberlake’s Stimme wirkt (vor allem in den Strophen, wo wenig gedoppelt wird) häufig dünn und piepsig, was jedoch weniger auf schlechtes Mixing zurückzuführen ist, als darauf, dass seine Stimme einfach kein größeres Volumen hergibt. Vorteilhaft wiederum: Durch die natürliche Platzierung der Stimme in einem höheren Frequenzbereich differenziert sie sich von den zumeist tiefer liegenden Instrumenten sehr deutlich und ist auch bei geringerer Lautstärke noch klar herauszuhören!

Im Gegensatz zu den Strophen weisen Bridge und Refrain (wie bei schwachbrüstigen Stimmen üblich) meist extrem viele Dopplungen auf, darunter auch solche, die in tieferer Lage eingesungen sind. Dies verleiht dem an sich sehr dünnen Gesang Timberlake’s die nötige Kraft.

Die einzelnen Dopplungen sind auffällig stark links-rechts verteilt, was einerseits zwar zu einem schön breiten Klangbild verhilft, andererseits jedoch fast schon zuviel wirkt. Unnatürlichkeit, mangelnde Klarheit der Gesamtproduktion sowie eine leidende Monokompatibilität sind die Folge.

Zumindest als Stilmittel zum Zwecke einer „futuristisch“ klingenden, kraftvollen Produktion, trotz der eigentlich recht dünnen Stimme Timberlake’s, funktioniert es aber ganz gut.

„Mirrors“

Beispielhaft die genauere Analyse der Single „Mirrors„. Der Song beginnt zunächst lediglich mit einem mittig angesiedelten Bass sowie leicht links/rechts verteilten Harmomien.

Bei ca. 24sec setzt der Gesang mittig ein. Der Bass spielt nun nicht mehr durchgehend, sondern „rhythmisch abgehackt“ – ebenso wie die neu hinzugekommen Streicher. Die Drums weisen Beatbox-Elemente auf (mit dem Mund erzeugte, schlagzeugähnliche Geräusche).

Mit der Bridge (bei 48sec) setzen weitere, hochfrequente Harmonien ein und füllen das Arrangement weiter auf. Timberlake’s mittig platzierter Gesang wird durch leicht links/rechts verteilte Stimmen ersetzt.

Mit Einsatz des Refrains bei 1min spielen die meisten Instrumente wieder eine durchgehende Melodie (etwa wie im Intro). Der Gesang wird nun deutlich stärker/öfter gedoppelt und ist härter komprimiert.

Nach dem langen Refrain folgt bei 1min52sec die zweite Strophe, die ähnlich instrumentiert ist wie die erste, jedoch mit einigen zusätzlichen Füllelementen im höheren Frequenzbereich.

Die zweite Bridge (bei 2min15sec) weist mehr Dopplungen auf als die erste und enthät eine zusätzliche Adlips-Stimme in der Mitte.

Auch der darauffolgende Refrain (2min28sec) weist zusätzliche Adlips in der Mitte auf.

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Bei 3min20sec folgt ein B-Part mit „dramatisierter“ Stimmung. Rechts außen setzt eine Gitarre ein, hochfrequente Streicher spielen eine neue Melodie, die die dramatische Stimmung ausgezeichnet untermalt.

Bei 3min43sec folgt ein (in meinen Augen bzw. Ohren) weiterer, genialer Stimmungswechsel: Hier spielen lediglich Bassdrum und Snare zu Timberlake’s Chorus (später noch Harmonien). Es entsteht auf gewisse Weise ein Open-Air/Stadion Feeling.

Bei 4min34sec sollte man meinen, der Titel endet nun bald… Jedoch sind wir erst bei gut der Hälfte angelangt. Das Lied nimmt noch weitere Formen an, die schon fast zu abstrakt und langatmig ausfallen. Vielleicht aber auch Geschmackssache…


Mein persönliches Fazit

Auch wenn ein Album nicht ganz den persönlichen Geschmack trifft, heißt es nicht, dass eine Analyse nicht wertvolle Informationen und Anregungen für die eigenen Produktionen liefern kann.

Interessant finde ich die Herangehensweise, insgesamt weniger Titel zu liefern, dafür aber jeden Titel fast schon wie ein kleines Album in sich zu produzieren, sprich mit längerer Spieldauer, wechselnder Stimmung, ausgiebigen Dynamikverläufen sowie permanent veränderter Instrumentierung.

Zwar finde ich die Lieder teilweise immer noch zu lang (häufig denkt man „jetzt ist aber Schluss“ und dann geht es doch wieder weiter…), jedoch sind die Produktionen in Sachen Detailverliebtheit und Abwechslung absolut als Musterstücke anzusehen!

Auch weist das Album einen eigenen Klang auf, der einerseits sehr modern klingt, aber dennoch einen gewissen Retro-Eindruck vermittelt. Dies ist in meinen Augen ebenso lobend hervorzuheben – zumal es derzeit vielen anderen Veteranen dieses Genres scheinbar an persönlicher Kreativität mangelt und diese einfach mit auf den momentan so erfolgreichen R&B/House Zug aufspringen (R&B-Gesang auf House-Produktionen, ursprünglich eingeführt durch David Guetta).

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Mehr zum Thema Analyse von Musik finden Sie im „Praxis-Leitfaden MIXING“ von Audio-Wissen!

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David

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