Lautheitskrieg

Lautheitskrieg

Lautheitskrieg
Lautheits-Krieg
Der Pegel ist praktisch durchgehend am Anschlag – Ergebnis des Lautheitskrieges (Quelle: fiende.net)

Wenn die Lautstärke eines Signals mittels Kanalfader erhöht wird, heißt das noch lange nicht, dass es für uns nun auch extrem laut klingt. Für unser Gehör ist letztlich nur der Durchschnittspegel wichtig. Solange dieser nicht entsprechend hoch ist, wird das Signal weiterhin vergleichsweise leise klingen.

Genau hier schafft der Kompressor Abhilfe. Mittels Kompressor können die Lautstärkeschwankungen eines Signals eingedämmt werden, sprich die Dynamik eingegrenzt. Warum das notwendig ist und was das für Vorteile bringt, wird im Folgenden erklärt. Außerdem wird die daraus entstandene Entwicklung des sogenannten Lautheitskrieges aufgezeigt.


Gründe für Komprimierung

Der Einsatz eines Kompressors beim Mixing ist nicht mehr wegzudenken. Die Gründe dafür lassen sich sehr gut anhand des Beispiels der Gesangsbearbeitung verdeutlichen.

Gesang weist eine relativ hohe Dynamik auf, sprich die Lautstärke schwankt recht stark. Ein 80-köpfiger Chor erreicht beispielsweise eine Gesamtdynamik von etwa 92 dB. Und hier kommen wir schon zum ersten Punkt: Eine CD weist lediglich einen Dynamikumfang von 96 dB auf, von denen sich letztlich nur 76 dB nutzen lassen. Um einen solchen Chor auf CD zu bekommen, muss die Dynamik also eingeschränkt werden! Gleiches gilt für viele akustische Instrumente, die eine Dynamik von bis zu 100 dB aufweisen. Aber das ist nur der erste Punkt…

Gerade den Gesang kann man kaum unkomprimiert lassen, da dieser sich sonst niemals gegen die Lautstärke der Instrumente durchsetzen könnte und nicht zu verstehen wäre. Leiser gesungene Stellen würden einfach unter den anderen Signalen verloren gehen, während besonders laut gesungene Passagen zu weit in den Vordergrund geraten und sich regelrecht vom übrigen Mix abheben.

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Setzen Sie hingegen einen Kompressor ein, werden Lautstärkeausschweifungen dieser Art unterbunden. In einem nächsten Schritt können Sie dann die Gesamtlautstärke des Signals anheben, ohne dass einzelne Lautstärkespitzen unangenehm auffallen, da diese ja in ihre Lautstärke begrenzt sind. Das Ergebnis ist, dass die Lautstärke weniger schwankt: Die lauteren Passagen werden zunächst eingegrenzt und durch die anschließende Gesamtanhebung des Signals werden die leiseren Passagen lauter. Die Lautstärke ist nun insgesamt viel gleichmäßiger; Das Signal wirkt wesentlich kräftiger und lauter.

Doch das ist noch nicht alles: Die Lautstärke des Gesangs wird ja nicht bloß passagenweise schwanken, sondern es ist so, dass selbst einzelne Worte und sogar Silben teilweise zu leise sind und im Hintergrund verloren gehen, wodurch die Sprachverständlichkeit stark leidet.

Auch dies wird durch den Einsatz des Kompressors unterbunden: Erst durch den Kompressor lässt sich die Lautstärke des Gesangs so einstellen, dass dieser sich optimal in den Mix einbetten lässt, sprich an keiner Stelle zu laut und an keiner zu leise ist, sondern einen durchgehend optimalen Pegel aufweist.

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Ein weiterer Punkt, weswegen stärkere Komprimierungen nötig sind, ist der beispielsweise im Radio oder auch bei Musiksendern im TV stattfindende Wettkampf um die höchste Lautheit. Durch Komprimierung steigt ja die empfundene Lautstärke, sprich die Lautheit. Und was als lauter empfunden wird, wirkt zugleich kräftiger und druckvoller – letzten Endes für das menschliche Gehör also besser. Beispielsweise klingt eine unkomprimierte Snare relativ kraftlos und wenig druckvoll. Erst durch die Komprimierung, wenn also die Lautheit steigt, wirkt sie schön kräftig und satt. Dies lässt sich sehr gut nachvollziehen, wenn man folgenden Test durchführt:

Spielen Sie einen beliebigen Musiktitel und drehen Sie Ihre Anlage langsam immer weiter auf. Sie werden feststellen, dass die Musik immer druckvoller erscheint, je lauter Sie Ihre Anlage stellen. Der Grund dafür ist folgender: Unser Gehör verfügt über eine Art Kompressor. Dieser dient als Schutzmechanismus: Ab einer bestimmten Lautstärke macht das Ohr dicht, damit es vor noch höheren Pegeln bewahrt wird, durch die Hörschäden verursacht werden könnten. Neben der Lautstärke steigt also auch die „natürliche Komprimierung“ durch unser Gehör und somit vor allem die Durchschnittslautstärke, sprich die Lautheit!

Bei einem echten Kompressor ist es letztlich nichts anderes: Die Spitzenpegel werden ab einer bestimmten Lautstärke eingedämmt, wodurch das Signal insgesamt eine gleichmäßigere Lautstärke aufweist und somit druckvoller und satter erscheint.

Heißt also: Der Effekt, den man durch starkes Aufdrehen der Musik erhält, lässt sich künstlich auch mittels Kompressor realisieren, was man sich unbedingt zu Nutze machen sollte. Denn letzten Endes wird der durchschnittliche Hörer die Musik fast nie so laut hören, dass sich der druckvolle und satte Klang von alleine ergibt. Sei es aus Rücksicht vor den Nachbarn, damit man sich noch unterhalten kann oder einfach um das Gehör zu schonen. Daher muss der Tontechniker dafür sorgen, dass die Musik auch bei geringer Lautstärke dennoch schön satt klingt – und das tut er eben mittels Kompressor.

Was hat das nun mit „Lautheitswettkampf“ zu tun? Bisher ehrlich gesagt noch gar nichts. Kommen wir daher zum Thema: Ein Künstler profitiert mit jedem Mal davon, wenn sein Titel im Radio gespielt wird. Folglich möchte er also, dass sein Titel möglichst oft gespielt wird. Der Radiosender wird seinen Titel öfter spielen, je mehr Leute sich diesen anhören. Diese werden sich den Titel aber nur anhören, wenn er auch gut ist bzw. auf keinem anderen Sender was Besseres läuft.

Künstler und Radiosender haben also ein Interesse daran, dass das Stück möglichst gut ankommt. Der Künstler hat durch die Produktion ja bereits seinen Teil geleistet, sprich es wurde unter anderem auch schon angemessen komprimiert. Nun will aber der Radiosender unbedingt eingeschaltet werden und steht dabei in direktem Wettbewerb mit den anderen Sendern. Daher will er, dass das Stück noch besser klingt. Diverse Möglichkeiten um die Produktion noch zu verbessern, hat der Sender ja nicht. Wohl aber besteht die Möglichkeit, sie noch zusätzlich zu komprimieren, damit sie noch lauter und druckvoller klingt.

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Und hier entsteht nun eben der Lautheitswettkampf: Jeder Radiosender will eingeschaltet werden und versucht daher die anderen Sender bezüglich der Lautheit zu übertreffen.

Gleiches gilt für Musiksender im Fernsehen oder für Kompilations-CDs wie „Bravo-Hits“, wo also Lieder verschiedener Künstler zusammen auf einer CD sind. Hier möchte eben jeder Künstler, dass sein Stück hervorsticht. Daher wird auch bereits bei der Produktion ein Maximum an Lautheit angestrebt. Zusätzlich gehen aber die Anbieter solcher Kompilationen nochmals mit dem Kompressor ran.

Leider hat sich das mit den Jahren so weit entwickelt, dass die aktuell durchschnittliche Lautheit sehr extrem ist und nicht mehr als dem Wohlklang förderlich angesehen werden kann.

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Die Abbildungen zeigen Beispiele von Songs aus dem Jahr 1983 und 2008. Während die Dynamik bei dem Song 1983 noch ca. 14 dB betrug, beträgt sie 2008 nur noch 4 dB. Quelle: dynamicrange.de

Lautheitskrieg im Fernsehen

Sogar bei der Fernsehwerbung gibt es den Lautheitswettkampf, hier sogar noch extremer. Jeder kennt das: Sobald die Werbung beginnt, wird es auf einmal merkbar lauter. Jede Firma möchte nämlich, dass ihre Werbung möglichst lauter ist als die anderen (auch wenn das bei mir lediglich dazu führt, dass mein Finger bei Beginn der Werbung sofort auf die Stummtaste springt…).

Dynamik im Mix

Soweit hätten wir also geklärt, weswegen der Einsatz eines Kompressors notwendig ist. Doch was heißt das nun? Soll man sämtliche Signale so stark komprimieren, dass kein bisschen Dynamik mehr übrig bleibt? Natürlich sollte man es nicht übertreiben. Aber wenn Sie mich fragen: Ich fände es schade, wenn ich Tage mit der Produktion eines einwandfreien Stückes verbringen würde, und es am Ende dennoch keiner gut findet, bloß weil es aufgrund einer zu geringen Komprimierung nicht kräftig genug klingt. Dann zu sagen „dafür klingt es natürlich“ wäre für mich kein Trost.

Daher bin ich einerseits schon für ein ordentliches Komprimieren, jedoch möglichst ohne hörbare Klangeinbußen. Was jedoch beim Radio oder Musikfernsehen gemacht wird, ist natürlich völlig übertrieben. Na klar: Die Gründe dafür sind nachvollziehbar. Aber eine fertige Produktion nochmals durch den Kompressor zu jagen? Besser klingt es danach meist nicht…

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Die Komprimierung sollte schon noch dem musikalischen Aspekt förderlich sein und nicht bloß deswegen erfolgen, weil man die Lautheit aller anderen Produktionen übertreffen will.


Wie Sie letztlich vorgehen beim Komprimieren, bestimmt Ihr eigener Geschmack!

David

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